Die Groß(artig)e Reibn – Skitouren-Klassiker der Ostalpen

Über ca. 4.300 Höhenmeter und 47 Kilometer führt die legendäre hufeisenförmige Runde durch das winterliche Hagengebirge und Steinernes Meer im Berchtesgadener Land. Johannes vom Team Gamsbock schaute sich die Strecke zusammen mit zwei Freunden endlich mal genauer an.

„Unglaublich“ entfährt es mir schon wieder, als ich im Schein meiner Stirnlampe die nächste Spitzkehre in den 20cm tiefen Pulverschnee hinauf zum Schneibstein setze.

Der Mond scheint hell, die Sterne funkeln um die Wette zu dieser unchristlichen Zeit. Es ist 5 Uhr morgens. Keine Wolke ist am Himmel zu sehen in dieser Nacht des 24. März. Das Hohe Brett mit seinen steil ins Bluntautal abfallenden Wänden steht uns zum Auftakt der Großen Reibn Spalier. Der Schnee klebt wie ein riesiger faltenloser Vorhang auf den Kalkfelsen. Am Ende des Tages lese ich mit großem Entsetzen, dass genau dort heute ein Skibergsteiger bei einem Wechtenbruch mehrere hundert Meter tödlich ins Bluntautal abgestürzt ist. Einmal mehr führt mir das vor Augen, wie nahe bei diesem Sport Glück und Unglück, Leben und Tod, extremste Freunde und tiefste Trauer beisammen liegen.  

Viel wurde geschrieben über diesen Skitouren-Klassiker der Ostalpen – offiziell und nachvollziehbar erstmalig 1969 (soweit ich es sehe). Es scheint fast so, als würde die Große Reibn mehr Gefühle in einem Skibergsteiger – mich eingeschlossen – auslösen, als Hunger und Durst. Welche andere Skitour, außer der legendären Haute Route von Chamonix nach Zermatt, verfügt schon über einen Wikipedia-Eintrag?

Am Windschartenkopf kreise ich leicht hektisch meine Arme. Seit 30 Minuten spüre ich die angefrorenen Finger nicht mehr. Von der Sonne geküsste Schneekristalle funkeln wie Millionen am Boden liegender Diamanten. Unerträglicher Wind und die höllischen Schmerzen in den Fingern machen den kitschig romantischen Sonnenaufgang über den Gipfeln des Göll-Stocks zur absoluten Nebensache – Skitouren sind selten Schickimicki.

 

Als zweieinhalb-, oder zweitägige Skitour beschreibt die Bergsportliteratur die mit ca. 4.300 Höhenmetern und 47 Kilometern (unsere Tour vom 24.3 März) großzügigste Skitour des deutschen Alpenstreifens. Schier unmenschlich wirkt es, wenn die Berchtesgadener Skitourenelite - in persona von Palzer, Reiter und Co. - die Runde in Zeiten von um die acht (8!) Stunden abspult.   

Nachdem ich mittlerweile viel über diese unvergleichliche Tour gelesen habe wird mir bewusst: Bedingungen, wie an diesem 24. März, gibt’s wohl nur einmal im Jahrzehnt.

Bis kurz vor der Einfahrt in den Eisgraben durften wir die Große Reibn anspuren (O-Ton eines meiner Begleiters: „Sind wir hier eigentlich die einzigen Deppen, die hier rumlaufen?“) Im Eisgraben drehen wir bergab zum ersten Mal an diesem Tag den Hahn so richtig auf. Die steile und teilweise felsige Schlüsselstelle der Tour lässt sich heute mit einem kurzen 2-Meter-Seitrutscher locker überwinden.

Von den insgesamt fast 4.000 Höhenmetern in der Abfahrt wedeln wir am Ende des Tages 3.950 Meter im 20-Zentimeter tiefen Champagne-Powder – die letzten 50 Höhenmeter raus aus dem Wimbachgries waren nicht mehr ganz perfekt. ;-)

Lange in Erinnerung bleibt mir bestimmt die gemütliche Gipfelhalbe am Funtenseetauern mit Blick in das Steinerne Meer und zur anderen Seite auf den Königsee. Die anschließende Abfahrt durch das Ledererkar hinunter zum Kärlingerhaus sucht im Ostalpenraum ihres Gleichen. „So was hab‘ ich auch nicht erlebt“, bricht es mit einem Schmunzeln aus Andi heraus, als er am Funtensee angekommen neben mir abschwingt. Eine kurze Pause gönnen wir uns auf der Terrasse des Kärlingerhauses. Mein Blick verfängt sich immer wieder bei unseren Abfahrtsspuren im Ledererkar.

Strahlender Sonnenschein begleitet uns bereits seit Stunden, als wir den endlos erscheinenden Anstieg hinauf zum Ingolstädter Haus in Angriff nehmen.

Aus der Entfernung betrachtet erscheint die von Einheimischen angelegte Spur im tiefen Schnee wie ein kunstvoller Federstrich im winterlichen Steinernen Meer.

„Ab jetzt kenne ich mich wieder aus“, denke ich mir, als wir auf den Großen Hundstod zusteuern. Zum x-mal reißen wir die Felle von den Skiern, klatschen ab und wedeln den 400-Meter-Traumhang auf die Hochwies hinunter. Ganz links finden wir mehr als genügend Platz um den Skiern freien Lauf zu lassen. Von unten betrachtet sieht der völlig zerfahrene Hang wie ein modernes Kunstwerk aus.

Ich gebe jedem Skitourenliebhaber Recht, der behauptet, dass man die Große Reibn mal gemacht haben sollte – egal ob in acht Stunden, oder zweieinhalb Tagen.

Hochglanzfotos im Postkarten-Style sollten nicht über die Anforderungen dieser hufeisenförmigen Traumrunde hinwegtäuschen. Manche Abfahrten sind bis zu 40 Grad steil. Lange Zeit bewegt man sich – ohne Handyempfang – fernab der Zivilisation. Bei schlechtem Wetter sieht im Hagengebirge und Steinernen Meer jeder Busch und Buckel gleich aus. Und eine gewisse Portion Schmalz in den Haxn verlangt die Tour auch.    

Etwas hüftsteif und langsamer als gewohnt schleppen wir uns die letzten Meter hinauf zur Kemmatenschneid. „Jetzt wird’s Zeit, dass es ein Ende findet“, sagt Andi, als wir die Felle von den Skiern runterreißen.

Wie in einem Hollywood-Film mit Happy End wartet allerdings noch das grandiose Finale auf uns in Form des teilweise fast 40 Grad steilen Loferer Seilergrabens. Schon früh dachte ich mir heute, dass wir in diesem Traumhang am Ende eines langen Tages kein Stäubchen Pulverschnee mehr finden. In solchen Fällen täusche ich mich aber gerne!

Dass es mir die Oberschenkel bei jedem Schwung im 20cm tiefen Pulverschnee fast zerreißt blende ich komplett aus. Nach wenigen Minuten stehe ich neben meinen Freunden im Wiembachgries und sage eine letztes Mal an diesem Tag: „Unglaublich!“

Als Fremder unter Wahnsinnigen (Skitourengeher) war mir 2006 bei meinem ersten Besuch auf Ski im Berchtesgadener Land schnell klar: „Irgendwann will ich die Große Reibn auch mal an einem Tag gehen.“ Elf lange Winter hat es gedauert bis ich mir zusammen mit zwei sehr guten Freunden diesen Traum erfüllen konnte.

Nach zahllosen Ski(hoch-)touren in den letzten Jahren beeindruckt mich die  - vornehmlich auf den Social Media Kanälen propagierte - Jagd nach Höhenmetern und Kilometern nicht mehr. Vielmehr ist es der Gesamteindruck einer Tour, der hängen bleibt. Die Großen Reibn bietet und fordert Vieles, ähnlich wie eine große Bergfahrt in den Westalpen.

 

Nach 13 Stunden spuckt uns das Wimbachgries ziemlich erschöpft, aber wohlbehalten  wieder aus.

Meine Begleiter und ich haben weiß Gott schon viele Skitouren in den Beinen, aber einen Tag wie diesen selten erlebt. „Ich würde sagen, die Tour gehört zu den drei besten, die ich je gemacht hab“, sagt Andi, als wir an der Wimbachbrücke ins Auto steigen.