Mountain Attack 2016 - Lieber Stock- als Beinbruch

Kann man sich über einen 93. Platz freuen? Ja! Johannes Schmid vom Team Gamsbock legt die 3.000 Höhenmeter bei der Mountain Attack in Saalbach in 3:25:22h zurück.

Vor dem Rennen hatte Johannes noch gut Lachen!

Wie die Stiere in Pamplona stürmen 1.000 Menschen nach dem Startschuss der Mountain Attack durch die Gassen von Saalbach. Ziel ist die „Stierkampfarena“ am Schattberg.

Wie die wilden Stiere in Pamplona... Startschuss im Ortszentrum von Saalbach.

Genauso tierverachtend wie das Spektakel in Pamplona erscheint/ist, so menschenverachtend ist der steile Anstieg am Schattberg. Die extreme Steilheit lässt den Körper bereits am Anfang des 3.000-Höhenmeter-Rennens im roten Bereich laufen. Trizeps und Oberschenkel wehren sich – zum Teil vergeblich – gegen die Schwerkraft.

Steil, steiler, Schattberg. Die Harscheisen bohren sich ins Eis, die Trizepsmukulatur glüht.

Für die Schinderei entschädigt dann aber das Ambiente am Ostgipfel des Schattbergs mehr als gebührend. Trotz der eisigen Temperaturen (-11 Grad) und des unangenehmen Winds (bis zu 50km/h), herrscht hier oben Tour de France-Stimmung. Hunderte Menschen bilden einen nicht enden wollenden Kanal, feuern uns lautstark an und sorgen für eine unvergessliche Gänsehaut-Stimmung! Vielen Dank an Alle, die dort oben ausgeharrt haben! Der Blick auf die Uhr sagt mir am Schattberg: 55 Minuten… Passt!

Ein Spektakel ist der Anstieg zum Schattberg.

Die erste Abfahrt bringe ich im Schein der Stirnlampe zügig, aber noch mit angezogener Handbremse, hinter mich. Der zweite 1.000Hm-Aufstieg hinauf zum Zwölferkogel ist zwar nicht mehr ganz so steil, aber immer noch grenzwertig. Obwohl so viele Teilnehmer auf der Strecke sind, finde ich keine Gruppe, an die ich mich dranhängen kann. Oben angekommen fühlen sich meine Oberschenkel deutlich stabiler an als 2015; stabil genug für einen etwas rasanteren Ritt auf den dünnen Zaunlatten. Nachdem ich die Felle abgezogen habe, schießt mir irgendwie das Motto „Pokal oder Spital“ in den Kopf.

Einem Autofahrer, der bei zehn Metern Sicht mit 70 Km/h auf der Landstraße fährt, würde ich den Vogel zeigen. Bei der Mountain Attack ist es eine Mischung aus Mut, Können und Wahnsinn, was in den Abfahrten passiert. Bei heftigem Schneefall und eingeschränkter Sicht stürze ich mich etwas übermütig in die Abfahrt. Mein Verstand hat den Körper zu diesem Zeitpunkt kurzzeitig verlassen. Einen Rechtsschwung kann ich nicht mehr abbremsen, mein rechter Ski verfängt sich im stumpfen Schnee am Pistenrand, ich höre noch das Brechen des rechten Carbonstocks, bevor es mich zweimal überschlägt. Der rechte Ski löst sich vom Stiefel und ich schaue dem wegrutschenden Ski ziemlich blöd hinterher. In diesem Moment sind mir die fast 600€ irgendwie egal. Ich denke nur daran, dass das Rennen jetzt für mich zu Ende ist. Ziemlich betröpelt sortiere ich kurz meine unversehrten Gliedmaßen bevor ich mich auf die hoffnungslose Suche nach dem zweiten Ski mache.

Ein Stockbruch ist kein Beinbruch!

80 Meter weiter unten steht auf weiter Flur eine ziemlich einsame Schneekanone, die mein rechter Ski doch tatsächlich getroffen hatte. Schmunzelnd und kopfschüttelnd steige ich in die Bindung und machte weiter, als wäre nichts gewesen. Es lebe die Kunstschneeproduktion!

Im Tal an der Hochalmbahn angekommen bin ich noch so durcheinander vom Sturz, dass mich die Zuschauer darauf aufmerksam machen müssen, dass ich nicht mit den Skiern über den Asphalt fahren kann. „Ich brauche einen Stock“, sage ich etwas hektisch zu den zahlreichen Zuschauern. Drei Sekunden später kommt zu meiner Überraschung die Frage: „Welche Länge?“ Dankbar für die Hilfsbereitschaft nehme ich den neuen Stock und mache mich auf den Weg zum schlimmsten Anstieg des Rennens. Hasenauer Köpfl, Reiterkogel und Bernkogel heißen die letzten Stationen des Leidens.

Felle aufziehen vor dem letzten Aufstieg; mit neuem Stock!

Der flachste Anstieg des Rennens zieht sich ewig in die Länge, die Kräfte schwinden und der Wind pfeift eiskalt durch den dünnen Rennanzug. Ich fühle mich deutlich besser als 2015, aber nach insgesamt 2.700 Höhenmetern schlägt der „Mann mit dem Hammer“ auf mich ein.

Die Finger spüre ich zu diesem Zeitpunkt schon längst nicht mehr. Auf den letzten 300 Höhenmetern muss ich noch vier oder fünf Skibergsteiger vorbeiziehen lassen. Ziemlich erleichtert reiße ich am Gipfel des Bernkogel die Felle herunter.  In der letzten Abfahrt bis ins Ortszentrum von Saalbach riskiere ich nicht mehr ganz so viel wie vorher und fahre nach 3:25:22h ins Ziel. Anfangs kann ich es noch gar nicht genießen, dass ich 20 Minuten schneller war als 2015. Die kalten Finger schmerzen ziemlich und mein Kreislauf kommt erst nach zwei Red Bull auf ex wieder in Schwung.

Ziemlich erschöpft, aber zufrieden mit der Leistung

Fazit: Die Mountain Attack ist ein von vorne bis hinten perfekt organisiertes Skitourenrennen. Nicht umsonst tummeln sich hier so viele exzellente Skibergsteiger. Vor allem die starke italienische Phalanx im Starterfeld deutet auf das hohe Niveau hin. Schneefall, Kälte und Wind machten es insgesamt zu einer ziemlichen harten Partie. Auch wenn es „nur“ ein Pistenrennen ist, sollte jeder ambitionierte Skibergsteiger hier mal am Start stehen und die Atmosphäre genießen.

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Mountain Attack 2016 Move

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Ergebnisse Mountain Attack 2016