Transcavallo - Memmen, aber ganz harte!

Am Start stehen bärenstarke Skibergsteiger mit sonnengegerbten und ausgemergelten Nordwandgesichtern – und zwei Burschen aus dem Bayerischen Wald. Mit Anfang/Mitte 30 gehören Michael und ich doch tatsächlich zu den jüngeren Semestern dieser traditionsreichen Veranstaltung.

Zwei Tage und fast 4.000 Höhenmeter! Transcavallo 2016 - ein gelungener Auftakt! (Foto: privat)

Transcavallo, wie das italienische Rennen an der Grenze zwischen Venetien und Friaul heißt, findet zum 33. Mal statt. Als einziges deutsches Team stellen wir uns der zweitägigen Herausforderung auf Ski. Michael und ich kennen uns seit 27 Jahren und wissen, wie es aussieht, wenn der andere nervös und latent angespannt ist. Vor dem Start an beiden Renntagen ist es mal wieder soweit.

Als einziges deutsches Team laufen wir mehr mit als gegen die italienischen Raketen. (Foto: Transcavallo Alpago)

Der erste Renntag beginnt gleich mal mit der Spezialdisziplin des Duos Mühlbauer/Schmid. Eine lange flache Forststraße erfordert Langlaufqualitäten, die wir beide nicht haben. Vielleicht sollten wir doch mal Nachhilfeunterricht bei Therese Johaug nehmen. Schwer kommen wir in Tritt, haben aber trotzdem viel zu lachen auf der abwechslungsreichen Strecke – außer in der Abfahrt. Ich vermute, dass selbst Marcel Hirscher und Felix Neureuther dicke Backen gemacht hätten, wenn sie den eng gesteckten „Baumslalom von Tambre“ gesehen hätten. Der wesentliche Unterschied zu einem Weltcup, wie wir ihn aus dem Fernsehen kennen, sind die mannsdicken Baumstangen, die auch bei heftigstem Ellbogeneinsatz nicht kippen wollen und die – nennen wir sie – unpräparierte weiße Unterlage. Nach der letzten Abfahrt und einer bergab Tragepassage erreichen wir lachend das Ziel und grinsen uns an: „Wos war denn des bitte?“

Da hätte ich gerne mal Marcel Hirscher und Felix Neureuther gesehen! (Foto: Transcavallo Alpago)

Ziemlich zufrieden und heilfroh, dass wir das erste richtige Abenteuer des Winters gesund überstanden haben, stehen wir im Ziel und quatschen mit vielen anderen sympathischen Skibergsteigern.

Nach einer abendlichen Pizza und ausreichend Vino bianco fühlen wir uns am zweiten Renntag erstaunlich frisch. Im ersten Anstieg und der ersten Abfahrt fühle ich mich aber, als hätte ich noch nie auf Ski gestanden. Nachdem ich bergauf ein-, zweimal in einer Spitzkehre ausgerutscht und beim Abfahren kopfüber im Schnee gelandet bin, fing der anfangs stotternde Motor ab dem zweiten Anstieg an zu laufen.

Bei diesem Anblick wird einem warm ums Herz! Ja, auch wegen der Temperatur... (Foto: Transcavallo Alpago)

Michael und ich finden unser Tempo und kämpfen uns in unzähligen Spitzkehren hinauf zum Monte Guslon auf fast 2.200 Meter. Gänsehaut macht sich am Körper breit und das Grinsen wird trotz körperlicher Grenzbelastung immer breiter, als wir am Gipfel von italienischen Tifosi angefeuert werden. Undenkbar, dass einem eine so lautstarke und emotionale Unterstützung bei einer Sportveranstaltung in Deutschland zu Teil werden könnte. Die Zuschauer hier oben fühlen mit uns, als wir nach 2.300 Höhenmetern im Wettkampftempo - mit bis zum Boden hängender Zunge - die Wechselzone erreichen.

www.drehdenhahnauf.com Es mal so richtig krachen lassen mit Zaunlatten unter den Füßen! (Foto: Tanscavallo Alpago)

So schön es auch ist, angefeuert zu werden, wir sind nicht zum Feiern hier, sondern zum schnell sein! Felle ab, Bindung verriegeln, Skibrille ins Gesicht ziehen und schon beginnt der nächste Höllenritt auf Zaunlatten – ohne jedoch den obligatorischen Juchezer (bayerischer Ausdruck für Freudenschrei) zu vergessen. Ich hätte nie gedacht, dass ich beim Skifahren mal froh bin, auf einer Eisplatte zu fahren. Auf den Eisplatten können wir es krachen lassen und uns den ein oder anderen brutal anstrengenden Schwung im zusammengeschobene Schnee ersparen. Die Oberschenkel flehen bei jedem Schwung um Erbarmen! Erbarmungslosigkeit zählt grundsätzlich nicht zu unseren Eigenschaften, aber jetzt hilft es nicht. Die letzten Meter ins Ziel genießen wir und fallen uns knapp nach der Ziellinie in die Arme.

Immer weiter! Wir sind nicht hier, um bejubelt zu werden! (Foto: Transcavallo Alpago)

Fazit

Jeder Teilnehmer weiß, was der Andere an den zwei Renntagen physisch und psychisch durchgemacht hat. Hier geht’s nicht um Sekunden und Minuten, sondern um die Anerkennung der Leistung des Anderen. Mensch und Material werden bis an die Grenze des Möglichen belastet. Mit Abstand betrachtet wundere ich mich wirklich, dass sich – zum Glück – kaum jemand verletzt.

Ein bißchen Spaß muss sein! Dass es aber gleich so witzig wid, hatten wir nicht gedacht! (Foto: privat)

Mit einem Auge schaue ich mir Sportveranstaltungen als Athlet an, mit dem anderen als Organisator. Ein Skitourenrennen im Gebirge bei Lawinenwarnstufe 3 auf höchstem Niveau zu realisieren und im Ziel ausschließlich total abgekämpfte, aber strahlende Skibergsteiger zu sehen, ist die hohe Schule!

Die Italiener sind verrückt – im Falle von Transcavallo im positiven Sinne! Völlig undenkbar, dass ein Rennen dieser Art in Deutschland oder Österreich durchgeführt wird. Zu viele Oberbedenkenträger hätten ihr Veto eingelegt, wenn sie sich die abschließende Waldabfahrt angeschaut hätten. Unser Entschluss steht bereits im Ziel fest! „Des is genau unsa Weda! Des schau ma uns nomoi o!“ (Übersetzung: Das hat uns sehr gefallen! We’ll be back!).

Ziemlich zufrieden #degwoidausmwoid (Foto: privat)

Hier geht’s zu den Moves…

Tag 1 http://www.movescount.com/de/moves/move94068093

Tag 2 http://www.movescount.com/de/moves/move94300563

 

Und hier geht’s zu den Ergebnissen…

Tag 1 http://www.tds-live.com/ns/index.jsp?login=&password=&is_domenica=-1&nextRaceId=&dpbib=&dpcat=&dpsex=&serviziol=&pageType=1&id=7713&servizio=000&locale=1040

Tag 2 http://www.tds-live.com/ns/index.jsp?login=&password=&is_domenica=0&nextRaceId=&dpbib=&dpcat=&dpsex=&serviziol=&pageType=1&id=7714&servizio=000&locale=1040