Berglauf WM Slowenien - Von Menschen und Maschinen

Völlig zerstört klammere ich mich an einen Baum im slowenischen Triglav Nationalpark und spiele mit dem Gedanken beim bisher wichtigsten sportlichen Ereignis meines Lebens aufzugeben. Ich stehe bei Kilometer 30, etwa 600 Höhenmeter unter dem letzten Gipfel als mit einem Schlag alle Kraft aus meinem Körper weicht und ich es einfach nicht mehr schaffe die nächste steile Stufe hochzusteigen.

Dabei verlief bis hierher alles wie im Traum: Die tolle Atmosphäre bei der vorabendlichen Eröffnungszeremonie, der Start im Nationaldress neben den Stars aus England, den USA oder Italien. Die überwältigende Unterstützung vor Ort durch Max, Anita, Steffi und Ben und natürlich die vielen gedrückten Daumen in der Heimat. Auch das Rennen selbst begann mehr als vielversprechend: Ich hatte mir vorgenommen am ersten Berg (13km, 1450 Hm) mein Tempo zu gehen und mich nicht vom schnellen Start anstecken zu lassen. Um mich entsprechend zu bremsen und zu kontrollieren hatte ich mir sogar den ungeliebten Brustgurt umgeschnallt und pendelte mich bei meinem geplanten Durchschnittspuls von 160 ein. Ziel war es hier nicht zu viel Zeit liegen zu lassen, aber genügend Körner für meine Stärken im Downhill und den kräftezehrenden, steilen Anstieg gegen Ende des Rennens aufzusparen.

Und es funktionierte richtig gut: „Nur“ sechs Minuten Rückstand am Gipfel zur Führungsgruppe, stürzte ich mich in den ersten technischen Downhill und konnte sofort Plätze gut machen. Lediglich die falsche Schuhwahl machte mir zu schaffen. Bereits nach wenigen Kilometern bergab spürte ich, dass sich an den Fußsohlen Blasen bilden, die im Laufe des Rennens zu faustdicken Eiern anschwellen sollten. Bei einem Etappenlauf wäre das ein KO-Kriterium für den nächsten Renntag, bei einem 42km Wettkampf kann man das aber schon einmal ein Weilchen ignorieren.

Körperlich und mental fühlte ich mich bombig – voller Energie und mit ordentlichem Tempo ging es bis zum Fuße des 2. langen Anstieges bei Kilometer 27. Auf sechs Kilometer galt es  1200 Höhenmeter zu bewältigen. Ich hatte ihn herbeigesehnt diesen Berg und genau dafür Intervalle an den Skipisten des Großen Arber, des Hohen Bogen oder der „Osserwampe“ trainiert. Hier – so der Plan - wollte ich richtig angreifen, meine Kraft in den Beinen ausspielen und es beim anschließenden sieben Kilometer langen Downhill noch einmal so richtig krachen lassen. Und ich fühlte mich nach 2:28h bärenstark am Einstieg zu diesem finalen Uphill. Die ersten 400 Höhenmeter laufen auch wie geplant: Ich ziehe an einem bulgarischen und einem italienischen Konkurrenten vorbei und finde meinen Rhythmus zwischen Laufen und schnellem Gehen. Tja, und dann stehe ich plötzlich in diesem Steilstück mit weichen Knien, mir ist schlecht, schwindlig und ich schaffe es nicht, mich die nächste Stufe  nach oben zu drücken. Es fühlt sich an als ob innerhalb einer Sekunde sämtliche Kraft aus meinem Körper gewichen ist und es gelingt mir auch beim dritten Versuch nicht, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Innerhalb kürzester Zeit werde ich von zahlreichen Läufern überholt und finde kein Mittel mich zu wehren. Ich bin kein Greenhorn in Sachen Langdistanz und kenne das Gefühl, wenn sich der Mann mit dem Hammer langsam anschleicht. Aber das hier ist als ob ich ungebremst gegen eine Wand gefahren wäre und ich habe diese plötzliche Kraftlosigkeit und Leere in dieser Form noch nie erlebt. In einer gefühlten Ewigkeit zwinge ich mich die nächsten 50 Höhenmeter nach oben zur Verpflegungsstelle Durnik. „Are you ok?“ höre ich eine besorgte Helferin. „No!“ antworte ich sofort, murmele aber ein „Na, basst scho“ hinterher, als sie dem Sanitäter winkt. Ich weiß nicht was mit mir und meinem sonst so verlässlichen Körper gerade passiert und Alles in mir schreit hier und jetzt auszusteigen und die Segel zu streichen – aber dann erinnere ich mich wieder an diesen einen Traum von der Weltmeisterschaft: „Sollte wirklich bei meiner ersten und vielleicht einzigen WM-Teilnahme ein DNF (Did Not Finish) hinter meinem Namen in der Ergebnisliste stehen? Sollte mein sportliches Highlight 2016 in den Wäldern der Julischen Alpen mit einer Aufgabe zu Ende gehen?“ Nach einer kurzen Pause, drei Bechern Cola (die ich auch sofort wieder von mir gebe) und tiefem Durchatmen, beschließe ich weiterzumachen.

Etwas wacklig auf den Beinen wandere ich weiter in Richtung Gipfel nur mit dem Ziel vor Augen irgendwie zu Ende zu bringen, was ich hier angefangen hatte. Die Konkurrenten, die teilweise auch sichtlich angeschlagen an mir vorbeiziehen interessieren mich schon nicht mehr. Erst als mich kurz vor dem 1590 Meter hohen Gipfel die erste Frau überholt, gibt das meinem stolzen Männerherz noch einmal einen kleinen Stich. Der Rest geht irgendwie vorbei und nach 4:30:37 stolpere ich enttäuscht und relativ emotionslos als 44. ins Ziel.  Hier empfangen mich neben Steffi, Ben, Max und Anita auch meine Teamkollegen Benedikt Hoffmann (3:50:42, 5. Platz), Lukas Nägele (3:53:48, 8. Platz) und Thomas Kühlmann (4:12:27, 21. Platz) die uns mit einer sensationellen Leistung die Bronzemedaille in der Mannschaftswertung sicherten. Ihre Freude über den Titel und die erbrachte Leistung ist ansteckend und schnell überwiegen Stolz und Begeisterung, ein Teil dieser großartigen Mannschaft gewesen zu sein. Wir empfangen mit Tina Fischl (4:47:26, 15. Platz), Maria Koller (4:53:45, 21. Platz) und Moritz auf der Heide (4:55:34, 58. Platz) die weiteren deutschen Starter und feiern als Team eine beachtliche Leistung mit der wir uns in Mitten der weltweiten Berglaufelite ganz gut behaupten konnten. Was bleibt ist eine unglaubliche Erfahrung und die Erkenntnis, dass der Körper doch keine Maschine ist, die jeden Tag gleich rund läuft.

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Fotos: Benedikt Seidl

Text: Markus Mingo