Markus bei der Trailrunning WM: Harter Ritt nach Sant Joan

Frenetisch jubelnde Zuschauer in den engen Gassen Kataloniens, ein technischer, harter aber wunderschöner Kurs mit gefühlt 80 % Singletrailanteil, ein Weltklasse Starterfeld mit würdigen Weltmeistern und dazu eine hochsympathische deutsche Mannschaft mit einem sagenhaften „WIR-Gefühl“.  

Markus Mingo berichtet von der Weltmeisterschaft im Trailrunning:

Von Beginn an Gänsehaut

Bereits die Eröffnungszeremonie donnerstagabends erzeugte Gänsehautfeeling pur. Die Nationen zogen durch die Gassen der 170.000 Einwohnerstadt Castellon und wurden von der Bevölkerung frenetisch gefeiert. Es war gefühlt die ganze Stadt auf den Beinen und feierte Ihre „Helden“ der spanischen Volkssportart Trailrunning.

Samstag 5:50 Uhr befinden wir uns im hell erleuchteten Stadion Castellons. Musik dröhnt aus den Boxen und die Athleten aus 49 Nationen stehen angespannt an der Startlinie. Ein WM Start ist etwas Besonderes: Alleine die Nationaltrikots, 400 ausgezehrte, bis aufs äußerste trainierte Läufer, minimalistische Ausrüstung. Jeder weiß hier genau was er tut – jeder hat seine ganz spezielle Wettkampfstrategie für die bevorstehenden 86km und 5000 Höhenmeter.

Ballern ab Kilometer 0

Nach dem Startschuss wird losgeballert, dass einem angst und bange wird. Die Sportler sprinten die obligatorische Stadionrunde regelrecht, bevor es raus in die Dunkelheit geht. Nach etwa zwei Kilometern biegt die Route ab auf einen schier endlosen Singletrail. „Läufe sollten öfters so früh am Morgen beginnen“ schießt es mir durch den Kopf. Damit meine ich nicht den Wecker um 3:15 Uhr oder das Frühstück um 3:30 Uhr, sondern diese besondere, fast mystische Atmosphäre, die die beginnende Morgendämmerung auf den schmalen Pfaden, hoch über den Dörfern Kataloniens erzeugt.

Der Deutschlandexpress rollt

Ich treffe auf Benni Bublak und Matthias Dippacher vom Team Germany und zusammen rollt der Deutschland Express ganz gut über die ersten Kilometer. Dann der einzige Wehrmutstropfen dieses wunderschönen Laufes. Auf der anspruchsvollen Strecke reicht ein kleiner Fehltritt und schon schlage ich hart auf den steinigen Boden auf. Der Arm ist erstmal taub, doch der Schmerz vergeht und etwas benommen laufe ich weiter. Trotzdem: Ab diesem Zeitpunkt habe ich eine Blockade im Kopf und während ich ansonsten jeden Downhill genieße und mich auch bei flottem Tempo erholen kann, laufe ich die schweren Passagen heute ängstlich und völlig verkrampft nach unten. Das kostet leider Zeit und Kraft.

Ansonsten ist der Wettkampf einfach nur schön. Immer wieder passieren wir katalonische Dörfer und werden durch ein Spalier unzähliger Zuschauer, unterstützt durch Kuhglocken Gebimmel und das Läuten der Kirchenglocken, lautstark gefeiert und angefeuert. Ein unglaubliches Gefühl und wahre Streicheleinheiten für die Sportlerseele – alleine dafür hat sich das harte Training im Vorfeld gelohnt.

Das Rennen läuft gut: Bei Weltmeisterschaften ist eine Versorgung nur an den ausgeschriebenen Verpflegungsstellen (hier bei Kilometer 31, 42, 63) erlaubt und klappt Dank der herausragenden Betreuung durch Jens Lukas und seiner Frau Maya ausgezeichnet. Ich laufe einen Großteil der Strecke mit Matthias Dippacher und wir sind gut unterwegs: VP2 (42k, 2200hm) passieren wir nach knapp vier Stunden und auch bei 52 Kilometer blicke ich auf die Uhr. Es sind hier exakt 2670HM und 5:20h. Den U.TLW hätten wir also gerade im Kasten. Hier treffen wir auch auf den schwedischen Superstar Andre Jonsson – er geht, wir laufen. Team Schweden kassiert – jagga. Vorbei geht es auch an der deutschsprachigen Konkurrenz aus den Nachbarländern. Wir überholen Florian Grasl (AUT) und Urs Jenzer (SUI), die immerhin Siege beim Großglockner Ultratrail oder beim Eiger Ultratrail auf dem Buckel haben. Somit setzen wir uns in der Teamwertung auch vor Österreich und die Schweiz.

Mixed Emotions: Ultra pur

Ab Kilometer 68 erlebe ich dann innerhalb kürzester Zeit die ganze Bandbreite des Ultra(trail)laufens. Emotionen von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt im ständigen Wechsel. Die heißen Temperaturen und die wenigen Verpflegungsstellen fordern ihren Tribut und mir geht das Wasser aus. Völlig dehydriert quäle ich mich die steilen Anstiege nach oben und muss Dippi ziehen lassen. Hier wünsche ich mir Johannes herbei, der mich im letzten Jahr bei der deutschen Meisterschaft als Tempomacher so grandios unterstützt hatte und mich regelrecht den letzten Berg hochtrieb. Giovanni wo bist du? Einige Kilometer später schaltet wohl der Körper (immer noch ohne Wasser) auf Notreserve. Plötzlich laufe ich wieder leicht und locker, genieße die schmalen Pfade und habe das Gefühl ewig so weitermachen zu können. Flow pur nach 75 Kilometern und 4500 Höhenmetern. Leider hält dieses „ewig“ nicht allzu lange und nach etwa 82 Kilometern passiert das, was sich bereits vor einiger Zeit angekündigt hatte: Alle Kraft weicht aus dem Körper, ich bin leer, ausgebrannt, habe das Gefühl zu verdurschten – nichts geht mehr. Im Anstieg zwinge ich mich, auf beide Stöcke gestützt, ein Bein vor das andere zu setzen, Schritt für Schritt nach oben. Ich kämpfe gegen den „Mann mit dem Hammer“ und beginne im flacheren Gelände wieder locker zu Joggen und bergab zügig zu laufen.

Ich muss, ich will, ich KANN

Endlich eine Wasserstation. Das Ziel vor Augen aktiviere ich die letzten Reserven und kann nach gut 88 Kilometern (die Route wurde aus Naturschutzgründen verlängert) erfolgreich am Kloster Sant Joan finishen. Diese WM Strecke hat mir alles abverlangt, aber auch so unendlich viel gegeben. Am Ende bleiben für mich „nur“ der 44. Platz in der Einzel- und der 5. Platz in der Mannschaftswertung. Auch wenn bei optimalem Rennverlauf noch etwas mehr möglich gewesen wäre sind 88km, 4900hm in 10:02h auf dieser technisch anspruchsvollen Strecke ein starker Auftritt. Ich muss, ich will, ich KANN mit  dieser Leistung zufrieden sein und bin stolz Teil dieses wunderbaren deutschen Teams gewesen zu sein. Für mich war die Trailrun WM im spanischen Castellon das Größte und Außergewöhnlichste was ich bisher als Sportler erleben durfte. Die Tatsache, dass auch der Weltmeister Luis Alberto Hernando am nächsten Morgen beim Frühstück etwas unrund ging, beruhigte ungemein.

Ergebnisse, Bilder gibt es hier